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(Die letzte Königin Beider Sizilien)

 

Von Sergio della Valle

( Übersetzt aus dem Italienischen von Romy
Bidassek.)

Am 3. Februar 1859 erreicht das Schiff il Fulminante den Hafen von Bari. Mit ihren nur siebzehn Jahren geht Maria Sophie von Wittelsbacht, jüngere Schwester der Kaiserin Elisabeth „Sissi“ von Österreich an Land um ihren Ehemann ein erstes Mal zu sehen. Sie war zuvor, unter dem Mandat von München mit Francesco, Sohn von Ferdinand II und zukünftiger König des Reichs, verheiratet worden. Dies ist der Beginn des kurzen „neapolitanischen“ Abenteuers einer liebenswerten, verständigen und gebildeten bayrischen Herzogin, welche schon drei Monate nach ihrer Ankunft den Pflichten einer Königin nachgehen wird.

Obwohl Ferdinand II, König von Neapel, nur wenig Zeit hat seine Schwiegertochter besser kennen zulernen, entwickelt er schnell Sympathie für sie. Auf grund einer langwierigen, fehlbehandelten Krankheit, welche er sich auf der Reise nach Bari, zum Willkommenheißen der Fürstin, zugezogen hat, stirbt der König am 22 März des gleichen Jahres. Infolgedessen wird die Aufgabe das Königreich zu regieren, welches bereits mit internen und externen Problemen zukämpfen hat, viel zu früh auf Francesco und Maria Sophie übertragen.Wegen ihres Alters, ihrer Unerfahrenheit und der unzureichenden Regierungsvorbereitung, aber auch durch falsche oder hinterhältige Ratschläge ihrer Berater, gelingt es dem jungen Paar nicht die verheerenden Geschehnisse zu verhindern. Die Ereignisse dieser nachfolgenden zwei Jahre, welche die Verletzung internationaler Verträge, Verrat, Krieg und die endgültige Besetzung des Königreichs beinhalten, sind historisch belegte Fakten. Wie immer jedoch, wurde auch hier Geschichte von Siegern und deren Anhängern geschrieben, welche es nicht versäumen ihre Methoden mit Lügen und Verleumdungen zu rechtfertigen.Abgesehen davon versteht die junge Königin ihre neue Position in diesen zwei Jahren aufs Beste. Vom ersten Tag ihres Amtsantritts bis zum Ende der kummervollen Zeit schätzt das Volk Neapels Maria Sophie vertrauenswürdig. Die Bevölkerung entwickelt sofort Achtung vor ihrer Persönlichkeit, ihrer Einsatzbereitschaft und ihrer Großzügigkeit. Diese Werte können natürlich nicht getrennt von ihrer Schönheit, Eleganz und ihrem fröhlichen Charakter gesehen werden, welche sich wunderbar in der Gesinnung Neapels wiederspiegeln. Aus den gleichen Gründen entwickelt auch Francesco tiefe Gefühle für sie: Nach kurzer Zeit des anfänglichen sich Kennenlernens, wobei die introvertierte und schüchterne Art und der leicht selbstgerechte Charakter des Königs ein Problem sind, entwickelt sich ihr Verhältnis zu einer glücklichen Beziehung, welche sich über die Jahre noch steigert und verfestigt.In den nur zwei Jahren ihrer Regentschaft teilt Maria Sophie alle Absichten, die Handhabung von Staatsangelegenheiten, die Enttäuschungen, den Krieg und die bedrohlichen Vorfälle bezüglich der Monarchie, mit dem König. Unentwegt ist sie mit ihren Ratschlägen und ihrer Liebe an seiner Seite. Besonders auf Gaeta, der letzten Festung des Königreichs, während des Piemontesischen Eroberungskrieges, erweist sich die Königin als entscheidend wichtig für ihr Volk: In den drei Monaten der Belagerung wird die Tapferkeit der Königin, ihre Menschlichkeit und ihre Hingabe, sowohl von Neapels, als auch von denen Piemontesischen Berichterstattern beobachtet. Diese Berichterstatter sehen sie täglich an den Festungsmauern. Ohne Angst vor der Gefahr zuzeigen, kümmert sie sich um ihre Soldaten, motiviert sie und pflegt die Verwundeten.Als am 13. Februar 1861 die Festung fällt, wird das königliche Paar mit dem französischen Schiff la Mouette ins Exil nach Rom gebracht, wo es freundlich von der römisch aristokratischen Klasse empfangen wird. Auch ein Grossteil der Neapolitaner, die nach der Besatzung ihrer Länder schon in den Papst Staat geflüchtet waren, sympathisieren mit ihrem Ex-König. Die folgenden zehn Jahre verbringen Francesco und Maria Sophie in Rom: Umgeben von ehrfürchtigen Römern und zahllosen, zugewandten Neapolitanern aus jeglichen sozialen Schichten, kümmert sich das Paar beachtlich um sein Volk. Im Gegensatz erfolgt jedoch auch die blutige Unterdrückung ihres treuen Gefolges, mit der unentwegte Minderung des Willens das Königreich zurück zu erobern und den kontinuierlichen Demütigungen durch Piemontesische Anhänger. Größtenteils werden diese Aktionen von der Turiner Regierung finanziert, welche um jeden Preis versucht Neapels Königtum zu verleumden um eine Grundlage für Egalität und Übereinstimmung der Ausführungen und Methoden Savoias zu schaffen. Einer Gruppe des Komitees gelingt es sogar ein skandalöses, gefälschtes Bild zu veröffentlichen (die erst Photomontage der Geschichte). Jedoch werden die Erschaffer des Bildes individuell inhaftiert und vor dem Magistrat schuldig gesprochen. Es wird auch versucht den König zu entführen. Dank der zufälligen Anwesenheit zweier französischer Soldaten scheitert dies jedoch.1869 kommt Maria Christina, die Tochter von Francesco und Maria Sophie zur Welt. Leider hält die Freude über das Familienglück nur für kurze Zeit an, denn schon nach drei Monaten stirbt die Kleine. Das Königspaar verlässt Rom im Jahr 1870 und geht nach Porta Pia. Danach reisen sie für einige Zeit nach Deutschland, Österreich, Ungarn, Bayern und in die Türkei, bis sie sich schließlich in dem kleinen Gutshaus Saint Maudé bei Paris niederlassen und etwas Ruhe finden. 1886 beginnt für die Königin, mit dem Selbstmord ihres Bruders, dem Grafen von Trani, eine lange Zeit familiärer Sorgen und Schmerzen. Sie verliert beide Eltern, ihr Neffe Rudolf von Meyerling stirbt auf tragische Weise und am 27 Dezember 1894, in Arco del Trentino endet auch Francesco Leben. 1897 stirbt ihre Schwester Sophia auf grund eines Unfalls und im darauffolgenden Jahr, 1898, fällt ihre andere Schwester „Sissi“ einem Attentat zum Opfer. Auch als Witwe, gezeichnet von ihrer Zeit in Exil und der familiären Schmach, ist sie immer noch bemerkenswert schön. Maria Sophie bleib bis 1914 in Paris bevor sie letztendlich, nach dem Mordversuch in Sarajevo, nach Bayern zieht. Dennoch bleibt sie, sowohl von Paris, als auch von München aus mit den Menschen, die einst ihr Volk waren, in fortwährendem Briefkontakt.Die letzte Königin Neapels stirbt am 18. Januar 1925 im beträchtlichen Alter von 83 Jahren. Nach einer langen Zeit des Umhersendens (nach Arco, nach Bayern, zur Kirche von Sant Spirito in Neapel und Rom) finden die leiblichen Überreste von Francesco und Maria Sophie im Jahre 1984 schließlich Frieden in ihrem Heimatland. Zusammen mit ihrer kleinen Christina ruhen sie, mit zwei Ampullen neben ihren Sterblichen Hüllen, in Santa Chiara. Das eine Gefäß ist gefüllt mit Erde und das andere mit Meereswasser aus Neapel, der Region, die sie immer liebten und niemals wiedergesehen hatten.